FluXmeister #19

Blog #19

„Information is not knowledge. Knowledge is not wisdom. Wisdom is not truth. Truth is not beauty. Beauty is not love. Love is not music. Music is the best…“ Frank Zappa

Alle Begrifflichkeiten haben für mich eine große philosophische Dimension; und wie er hier in einem kleinen Satz unser menschliches Bewusstsein fasst, von Ratio, über Vernunft, zum Gefühl; wie er hier die Brücke vom Denken zum Erleben schlägt, um als Krönung in das Mysterium Musik zu münden, finde ich großartig. Und so wie Zappa kein Entertainer in dem Sinne eines Illusionisten ist, sondern mit Humor und Schärfe den Spiegel vorhält, gehe ich meinen Weg ebenfalls nicht, indem ich durch das Zuspielen der Existenzberechtigungskarte alle Poren des Zweifels mit Gefühlsduselei zuschmiere.

Doch bin ich nicht Gaukler, der wie Zappa im Eulenspiegel-Sinne, zynisch von hinten durch die Brust, den Halb-Gescheiten das Gefühl von Hochmut, im Vergleich zu den anderen Deppen, den Nicht-Gescheiten Häme und voyeurichtische Freude, in Bezug auf die anderen Deppen und den Ganz-Gescheiten humoristische Expertise und Refelxionsansatz, in Bezug auf das Selbst als Teil der ganzen Deppen gibt. Was ihm so, trotz musikalischen Grenzgangs, sehr geschickt erlaubte, sämtliche gesellschaftlichen Gruppen anzusprechen und durch Anpassung an systembedingte Geschäftsmodelle, sehr erfolgreich zu wirken. Sondern ergebe mich in bisweilen tiefer Melancholie eher wie ein Harlekin der Tragik des Lebens. Mit großem Widerstand gegen diese Anpassung.

Ich breche es mal runter auf die Ebene der Gefühlsduselei. Die normale Härte des Lebens ein wenig vergessen zu wollen, ist ein nachvollziehbares Ansinnen. Und dabei behilflich zu sein, ein völlig legitimes Unterfangen. Ein Selbstverständnis der Unterhaltungsbranche. Man könnte sagen Sinn und Zweck der ganzen Veranstaltung. Und es sei jeder und jedem unbenommen, so lange in den dünnen Brettern der Trivialität zu bohren, bis sich in den eigenen Bohrlöchern sinnvolle Muster erkennen lassen.

Mein Wirken ist jedenfalls durchzogen von dem Geist der Konfrontation. Es hat einen moralischen Aspekt. Meine Art die Dinge anzugehen und zu gestalten, hat etwas Appellhaftes, etwas an die Einsicht appellierendes. Sicher! Mit Augenzwinkern! Ich empfinde das Sein als etwas zutiefst tragisches und kann mich gleichzeitig sehr gut darüber amüsieren. Ein Würstchen zu sein bereitet mir keine Sorge. Diese ganze Angst vor Gesichtsverlust und Ehrverletzung ist kein rein orientalisches Thema. Es ist ein zutiefst menschliches und findet sich überall. Die Momente des Selbsthass liegen darin begründet, mich von diesem Scheiß nicht grundlegend befreien zu können. Scheitern nicht gut akzeptieren zu können – überhaupt das Wort Scheitern bisweilen in einer Dimension zu empfinden, die schlechte Gefühle erzeugt, Versagensängste hervorruft und mich dadurch in die Rolle des Unantastbaren zwingt. Elend bisweilen, ja… Aber Humor hilft!

Ich bewege mich in der U-Musik, pflege dabei allerdings eine Haltung, die sicher erfolgversprechender in der E-Musik zu leben und zu wirken wäre. Schwermut und Zweifel sind Säulen meines Charakters, die ich nicht überdeckt wissen will. Die ich offen zeige und lebe. Ich halte meine künstlerische Kraft für sehr stark, ich weiß aber auch, dass in dem Metier, in dem ich wirke, eine Betonung auf die Tragik des Lebens, keine im materiellen Sinne erfolgversprechende Strategie ist. Mit dem beschriebenen Widerstand gegen Anpassung an systembdingte Strukturen, umso mehr.

Aber trotz des Zuwiderhandelns gegen vermeintliche Grundprinzipien der Branche, in der ich tätig bin, lebe ich ein Leben mit, von und durch die Musik. Es gibt sie natürlich auch; die leichten und freudigen Momente. Wenn ich z.B. als Rock’n’Roller gewitzte Licks vor mich hin knattere, ironische, gewitzte, anzügliche Texte singe und den Hengst gebe. Aber die Tragik zeigt sich auch hier z.B. bei den Konzertbesuchern, die sich besinnungslos saufen – mit allen bisweilen erschreckenden Begleiterscheinungen -, die völlig die Kontrolle verlieren und bei denen sich die Hilflosigkeit zeigt, mit der Tragik des Lebens umzugehen. Diese Menschen habe ich im Fokus. Meine Prägung lässt mich viel stärker Scheitern und Lebenslügen wahrnehmen, als die Leichtigkeit des Seins.

Obwohl mir bewusst ist, dass das Scheitern und die Lebenslügen Bestandteil der Leichtigkeit des Seins, der unerträglichen Leichtigkeit des Seins 😉 sind, kann ich dem nicht immer nur mit Humor, sondern oft nur mit einer tiefen Melancholie begegnen. Diese Prägung werde ich nicht überwinden. Aber ich arbeite daran, sie nicht nur als Bürde zu empfinden, sondern als Ausgangspunkt für eine Entwicklung hin zu einem Leben in Selbstzufriedenheit und Akzeptanz. So stelle ich mich meinen Versagensängsten, kämpfe mit den Schatten meiner Vergangenheit und lerne mehr und mehr den Kampf in ein Spiel zu wandeln.

Dieses Spiel hat gerade wieder herausfordernde Züge angenommen, lässt mich aber nicht verzweifeln. Obwohl sämtliche Veranstaltungen abgesagt sind, und ich nicht weiß, ab wann ich mein Leben als Bühnenmusiker weiterführen kann, nutze ich die Zeit für Reflexionen dieser Art, helfe wo ich kann und bleibe kreativ.

Seid herzlich gegrüßt,

Joachim

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