FluXmeister #24

Blog #24

Wohin geht die Reise?

Welche Geschichte möchte ich erzählen? Ich weiß es nicht genau. Ich weiß nur, dass mein Bedürfnis ist, meine Reflexionen in Worte zu fassen.

Jede Geschichte, die wir erzählen ist menschengemacht. Jede Geschichte, die wir glauben ist menschengemacht. Jede Moral, jede Ethik bezieht sich auf einen Mythos, der uns glauben lässt. Wir alle glauben. Wir alle Wissen nicht. Was bedeutet zu wissen?

Zwei Definitionen habe ich gefunden:

1. Durch eigene Erfahrung oder Mitteilung von außen Kenntnis von etwas, jemandem haben, sodass zuverlässige Aussagen gemacht werden können
2. Über jemanden, etwas unterrichtet sein; sich einer Sache in ihrer Bedeutung, Tragweite, Auswirkung bewusst sein

Prima! Hier hat es doch wohl mehr Frage- als Ausrufezeichen! Eigene Erfahrung: Was bedeutet das? Wie ordnen wir diese ein? Kenntnis von außen: Was bedeutet außen? Wer oder was ist für außen relevant? Zuverlässige Aussagen: Definiert eigene Erfahrung diese Zuverlässigkeit? Definiert das Außen diese Zuverlässigkeit? Wenn ja, zurück zum zweiten Fragenkomplex: Was bedeutet außen? Wer oder was ist für außen relevant? Und das nur die ersten Fragen, die mir in den Sinn kommen zu Punkt 1.

Zu Punkt 2: Bedeutung, Tragweite, Auswirkung – BAM! Jeder Mythos, jeder Glaube, jede Geschichte, die unser Leben prägt, füllt diese Vokabeln mit unterschiedlichen Wahrheiten.

Dem allen liegt der für mich ultimative Fragenkomplex zugrunde: Was ist richtiges und was ist falsches Handeln! Hierzu gehören Begrifflichkeiten wie Moral, Wahrhaftigkeit, Mitleid, Empathie, Konkretes, Abstraktion, Instinkt, Überleben, der Einzelne, die Gruppe oder die Herde, Innen, Außen. Und was ganz spannendes: Das Synonym für richtig und falsch: Gut und Böse!

Wenn ich mir den Glauben anschaue, der unser abendländisches Denken prägt, sprechen wir von dem einen allmächtigen Gott. Aber wir sprechen auch von dem Konzept des Himmels und der Hölle, von Gottes Widerpart Satan. Zwei gänzlich unterschiedliche Erzählungen. Von beiden sind wir wohl seit Zeiten der Aufklärung nur noch bedingt überzeugt; trotzdem wird mir nahezu jeder abendländische Mensch zustimmen, wenn ich behaupte, dass diese Ideen ein Begriff sind und einen mehr oder weniger starken Einfluss auf seine/ihre Prägung hatten.

Aber schon hier müssen zwei Konzepte miteinander verknüpft werden, die, so man sie mit logischem Ansatz durchdringt, nicht miteinander vereinbar sind. Das eine: Der eine allmächtige Gott, der alles erschaffen hat. Aus dieser Allmacht lässt sich ein ultimatives Ordnungskonzept ableiten, das Gut und Böse beinhaltet; das alles beinhaltet! Der Wesenszug der Allmacht. Vom größten Großen bis zum kleinsten Kleinen.

Dem gegenüber steht das Konzept der zwei Mächte: Gut und Böse. So es diese beiden Mächte gibt, gibt es auch keinen einen Allmächtigen. Sondern zwei Kräfte, die um die Allmacht streiten, um das eine Ordnungskonzept ringen.

Und erneut Fragen, die sich mir stellen: Die Allmacht definiert ein allgemeingültiges Ordnungskonzept. Wenn dem so ist, warum gehört zu diesem Konzept all das was durch Einhaltung der 10 Gebote vermieden werden soll? Will der Allmächtige die Versuchung und das Abgründige, ja alles was uns in unserer Welt so erschreckend und bisweilen unendlich bedrückend erscheint, damit wir daran wachsen, lernen und üben?

Oder eben das Konzept der beiden Kräfte: Gott und Satan. Hier gibt’s keine allumfassende Ordnung, keine Allmacht. Aber immerhin ein plausibles Konzept für die Dualität: Gut und Böse, Dunkel und Licht, Richtig und Falsch.

Wie man es dreht und wendet: Philosophisch betrachtet sind diese Konzepte nicht miteinander vereinbar. Das soll niemanden daran hindern an beides zu glauben. Schließlich wird ohnehin geglaubt was geglaubt wird. Ob ich klug daher schreibe oder nicht…

Was mich dabei umtreibt ist schlicht, dass genau das uns Menschen ausmacht. Wir wissen nicht, wir glauben. Und trotzdem sind wir bereit für Überzeugungen zu diffamieren, auszugrenzen und sogar zu töten. So widersinnig unsere Überzeugungen bisweilen sein mögen.

Und Dinge haben sich grundlegend geändert im Laufe der Menschheitsgeschichte. Dinge, die uns weit mehr über uns verstehen lassen, als der jeweilige Glaube, der vielleicht viele Genrationen in seinen Anschauungen eint, die uns ermöglichen als unüberschaubares Kollektiv miteinander zu funktionieren. Aber egal, ob wir es Christentum, Hinduismus, Kommunismus, Kapitalismus, Wissenschaft oder was auch immer nennen. Kein Glaubensmodell umspannt die gesamte Entwicklung der Menschheit. Keines hat alle Zeiten überdauert!

Am sympathischsten ist für mich das Modell der Jäger und Sammler. Sie waren Animisten. Menschen, die ihre Umwelt beseelt haben. Dieser Glaube bedingt eine Achtsamkeit allem gegenüber, was wir mit unseren Sinnen wahrnehmen. Nein, ich will nicht zurück in die Höhle… Aber man muss doch wohl zur Kenntnis nehmen, dass sämtliche Glaubensmodelle, die sich vom Animismus entfernt haben, unsere Umwelt nur als einen Erfüllungsgehilfen der Menschheitsgeschichte wahrnimmt.

Unsere monotheistischen Glaubensvorstellungen haben sogar den Nachteil, dass das Konzept der Allmacht nur den einen wahren Gott zulassen kann. Wie allmächtig ist Gott, wenn es daneben noch den allmächtigen Allah gibt? Bis sich die großen Weltreligionen geeinigt haben, wer nun das Recht der Allmacht für sich beanspruchen darf, werden wir weiterhin die emotionalen Wesen bleiben, die bestmöglich um ihr Überleben ringen und die Grenzen unserer Wahrnehmung erforschen.

Und hier gibt es spannende Entwicklungen. So haben wir z.B. die Idee überwunden, das alles Wissen schon vorhanden ist. So wir an den Schöpfungsmythos glaubten, finden wir alle Antworten im heiligen Buch. Und so mussten wir lediglich theologisch umfassend gebildet sein, um über das Wissen zu verfügen. So dachten und handelten sämtliche Kulturen in der Menschheitsgeschichte. Denn ohne eine Macht, die all unsere Fragen beantwortet, haben wir offensichtlich keinen Sinn in unserem Handeln gefunden.

Wir haben dieses Konzept ersetzt. Und zwar durch einen Leitsatz, der Sokrates zugeschrieben wird: “Ich weiß, dass ich nichts weiß!” Sobald Schöpfungsmythen nicht mehr als objektiver Fakt angesehen wurden, stellten sich Fragen. Aus einer bis ins Detail ausgemalten Landkarte des Seins, erschien auf einmal ein weitestgehend weißes Blatt.

Ein ungeahnter Wandel in der Betrachtung der Welt!

Ebenso gravierend, die Veränderung in der Betrachtung wirtschaftlichen Handelns von der Idee, dass es nur einen Kuchen gibt, den wir verteilen können – kriegt jemand ein größeres Stück, wird es jemand anderem weggenommen – zu der Idee der Zins- und Kreditwirtschaft. Es kam der Glaube und die Zuversicht in die Entwicklung von Märkten, die Bedarfe wecken und befriedigen. Die Idee mit Vertrauen auf die Zukunft, die Idee den Kuchen zu vergrößern und so für alle mehr Wohlstand zu ermöglichen. Die Leitvokabel: Wachstum!

Unvorstellbare Dinge gingen jetzt Hand in Hand. Mächtige Eingriffe in die Natur, die Entwicklung von ungeahnten technologischen Möglichkeiten, Globalisierung, das weltumspannende Vertrauen auf ein Zahlungsmittel mit dem nahezu alles gegen alles getauscht werden kann. Wenn wir uns in vielem kulturübergreifend nicht einig sind, so doch in dem Glauben an dieses Zahlungsmittel. Ein Zitat des Historikers Hariri: “Selbst wenn Osama Bin Laden die Amerikaner für ihre Art zu leben verachtete, nahm er ihre Dollars doch gerne.”

Und da heißt es immer Geld verdirbt den Charakter. Ein spannender Satz, wie ich finde. Aber das ist mal was, was uns nahezu alle eint. Es überbrückt alle Vorurteile, Grenzen und Anschauungen. Wen wundert es da, dass die Finanzwirtschaft selbst zu einer Anschauung geworden ist.

Und noch zwei wesentliche Dinge haben sich verändert: Wir leben das erste Mal in einer Zeit, in der sich Glaubenssätze verwirklichen lassen. “Investiere!” und “Kaufe!”. Was das aus uns macht, Glaubenssätzen ohne spirituelle Anstrengung gerecht werden zu können, ist einen eigenen Beitrag wert…

Jedenfalls führte der Kapitalismus aus Gleichgültigkeit zu Versklavung und Ausbeutung. Hass und Rassismus sind kein Wesenskern des Kapitalismus. Das resultiert aus anderen Glaubenssätzen. Ein überzeugter Kapitalist würde sagen: Die Opfer des Kapitalismus sind unvermeidbare Schäden auf dem Weg in eine bessere Welt. Und hier schließt sich der Kreis. Das behauptet jeder Glaube und jede Weltanschauung.

Und je tiefer ich diese Aspekte betrachte, desto schwerer fällt mir andere für ihre Anschauungen zu verurteilen. Glaube ist ein Wesenskern unseres Seins. Ohne irgendeinen Glauben – egal an was – finden wir in unserem Alltag keine Struktur. Ja, auch ich nehme meine Glaubenssätze bisweilen sehr ernst ;-). Aber oft muss ich auch über sie schmunzeln. Ich werde jedenfalls bestimmt nicht bemüht sein, sie in irgendwelche Steintafeln zu meißeln. Ich clicker sie ins Netz. Ein gewisses Geltungsbedürfnis habe ich ja schließlich schon ;-).

Wenn ich übrigens die Glaubenssätze widerstreitender Kräfte in diesen Zeiten einer Naturkatastrophe hinterfrage, halte ich mich lieber an die, die nicht der Ansicht sind, dass das, was sie emotional triggert, der Wahrheit entsprechen muss – sonst wäre man ja schließlich nicht getriggert. Emotion ist etwas sehr wahrhaftiges; in der Tat! Und für unser individuelles Handeln mag das Gefühl ein guter Ratgeber sein. Im Kollektiv sind Emotionen allerdings immer der Hebel für Verblendung und Machtmissbrauch.

Ich bin der Überzeugung, dass wir in einem Land und in einer Gesellschaft leben, in der es wichtige Stellen gibt, die für eine transparente Darstellung von Machtstrukturen und Machtverhältnissen sorgen. Da ist sicher Luft nach oben. Aber es wird nicht besser, indem wir diese Stellen diffamieren und schwächen.

Zum Abschluss ein Zitat von Lemmy:

„Scheiß auf Gott und scheiß auf den Teufel und auch auf die Kirche. Ich allein bin verantwortlich für meine Taten. Ich muss mich hinter nichts verstecken. Ich habe es getan, was auch immer ich getan habe.“

Horrido

Joachim

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